Im Herbst verändert sich der Alltag vieler Hunde spürbar. Kürzere Tage und Spaziergänge bei Nässe und Kälte bringen neue Belastungen für ihre Abwehrkräfte. Aus tierärztlicher Sicht lohnt sich dabei ein Blick auf ein Organ, das viele Tierhalter zunächst nicht mit Infekten in Verbindung bringen: den Darm. Ein großer Teil der Immunzellen des Körpers ist mit der Darmschleimhaut assoziiert. Tierarzt Thomas Backhaus von „Das Gesunde Tier“ erklärt, warum ein stabiles Mikrobiom gerade jetzt eine Rolle spielt und welche Herbstfaktoren die Verdauung belasten können. Vorsorge beginnt laut dem Experten nicht erst, wenn der Hund bereits Symptome zeigt.
Berlin, 07.09.2026.
Mit dem Herbst verändert sich für Hunde vieles auf einmal und Tierhalter richten den Blick dann oft auf das Offensichtliche: nasses Fell, kalte Pfoten und die Frage, ob ihr Hund einen Mantel braucht. Aus tierärztlicher Sicht entscheidet sich die Widerstandskraft eines Tieres jedoch an anderer Stelle. „Ein großer Teil der Immunzellen steht mit der Darmschleimhaut in Verbindung. Der Darm bildet außerdem eine wichtige Barriere zwischen dem Körper und Stoffen aus der Umwelt“, erklärt Tierarzt Thomas Backhaus, Experte für integrative Tiermedizin. Das Darmmikrobiom – die Gemeinschaft der dort lebenden Mikroorganismen – steht in engem Austausch mit dem Immunsystem und beeinflusst unter anderem Barrierefunktion und Immunregulation. Der Herbst macht den Darm nicht plötzlich wichtiger, verändert aber die Belastungen. Eine stabile Darmbarriere und ein ausgewogenes Mikrobiom können eine gute Grundlage dafür sein, dass das Immunsystem angemessen reagieren kann. Vor zu großen Erwartungen warnt der Tierarzt allerdings: „Ein gesunder Darm ist kein Schutzschild gegen jeden Infekt, aber er ist ein wichtiger Teil eines gut funktionierenden Immunsystems.“
Nässe, Futterwechsel, Medikamente: Was das Mikrobiom im Herbst fordert
Welche Faktoren auf das Darmmikrobiom einwirken, ist inzwischen gut untersucht. Dazu zählen vor allem Fütterungswechsel, Medikamente – insbesondere Antibiotika –, Erkrankungen, Stress sowie Veränderungen im Alltag. Auch verdorbenes oder hygienisch problematisches Futter kann eine Rolle spielen. Im Herbst kommen mehrere dieser Punkte häufig zusammen. Hinzu treten Umweltfaktoren, die für die Jahreszeit typisch sind: Feuchtigkeit und organisches Material begünstigen das Vorkommen von Schimmelpilzen, was insbesondere bei empfindlichen oder allergischen Hunden Haut und Atemwege belasten kann. Saisonal ist das kein Zufall, denn Schimmelpilzsporen breiten sich im Freien vor allem im Spätsommer und Herbst aus, besonders dann, wenn sich trockenes, windiges Wetter mit Regenphasen abwechselt. „Bei empfindlichen Hunden lohnt es sich in der kühlen Jahreszeit besonders, auf Darmgesundheit, Fütterung und allgemeine Widerstandskraft zu achten“, ordnet der Tierarzt ein.
Diese Signale werden im Alltag oft übersehen
Eine geschwächte Widerstandskraft zeigt sich bei Hunden selten als klassische Erkältung. Häufiger sind es unscheinbare Veränderungen, die sich über Wochen ziehen: wiederkehrende Haut- oder Ohrenprobleme, Juckreiz oder gerötete Haut, häufig tränende oder gereizte Augen, wiederkehrende Verdauungsbeschwerden, Veränderungen von Kotkonsistenz oder Appetit. Auch eine nachlassende Fellqualität, weniger Energie und Spielfreude oder eine ungewöhnlich lange Erholungszeit nach Belastungen und Erkrankungen können Hinweise sein. Weil solche Beobachtungen im Alltag einzeln auftreten, werden sie oft getrennt voneinander behandelt: Die Ohren werden gereinigt, das Futter wird gewechselt, die Haut wird gepflegt. Entscheidend ist aus tierärztlicher Sicht jedoch das Gesamtbild. Gleichzeitig mahnt Backhaus zur Vorsicht bei der Deutung: Symptome dieser Art können sehr unterschiedliche Ursachen haben, etwa Allergien, Parasiten, Infektionen oder andere Erkrankungen. Ein zuverlässiger „Immunsystem-Test“ sind sie deshalb nicht. Besonders bei wiederkehrenden Beschwerden sollte die Ursache tierärztlich abgeklärt werden. „Widerstandskraft erkennt man nicht an einem einzelnen Symptom. Entscheidend ist vielmehr, ob Beschwerden immer wiederkehren oder ob ein Hund ungewöhnlich lange braucht, um sich davon zu erholen“, erklärt Backhaus.
Vorsorge heißt Stabilität – nicht ständig neue Maßnahmen
Die wichtigste Grundlage ist aus Sicht des Tierarztes eine bedarfsgerechte, gut verträgliche und möglichst konstante Ernährung. Häufige und unnötige Futterwechsel sollten gerade bei empfindlichen Hunden vermieden werden. Ballaststoffe, etwa über ein speziell abgestimmtes Futter oder gezielt als Ergänzung, zum Beispiel in Form von Akazienfaser-Pulver, können dem Darmmikrobiom als Substrat dienen und eine normale Darmfunktion unterstützen. Darüber hinaus gehören ausreichend Bewegung, Erholung und Schlaf sowie ein möglichst gleichbleibender Tagesrhythmus zu einer guten Gesundheitsvorsorge, ebenso wie die Vermeidung unnötigen Stresses. Medikamente und chemische Mittel wie Wurmkuren oder Parasitenmittel sollten nach tierärztlicher Indikation und entsprechend der tatsächlichen Dringlichkeit eingesetzt werden, nicht nach Kalender. Bei Hunden mit wiederkehrenden Verdauungsproblemen rät Backhaus davon ab, auf eigene Faust verschiedene Ergänzungsfuttermittel auszuprobieren. Sinnvoller sei es, zunächst Fütterung und mögliche Ursachen strukturiert zu betrachten, etwa im Rahmen einer Ernährungsberatung oder einer tiermedizinischen Beratung. Auf dieser Grundlage könne dann auch eine gezielte Unterstützung sinnvoll sein, beispielsweise mit Probiotika oder einer Kur für den Darm.
