Foto: A. Güttel

Auslandshunde adoptieren – Trend oder absolute Notwendigkeit?

Ich denke mal: beides. Natürlich gibt es in vielen anderen Ländern extreme Missstände in der Hundehaltung und der Tierschutz steckt noch in den Kinderschuhen. Aus unserer Sicht, aber auch tatsächlich.

Die Frage ist jetzt aber ob es ein probates Mittel ist, diese Hunde zu uns ins Land zu holen oder Hilfe vor Ort nicht auf lange Sicht der sinnvollere Weg ist?
Ja, Umdenken dauert, noch dazu in Ländern, in denen die Menschen selbst an der Armutsgrenze leben und tagtäglich ums eigene Überleben und das der Familie kämpfen.
Viele Tierfreunde und Tierschützer versuchen in solchen Ländern zu helfen, zu unterstützen und so wenigstens einige der unzähligen Tierleben zu retten. Großartige und unbezahlbare Einsätze, bei denen oft an die eigenen Grenzen und darüber gegangen wird.
Organisationen wie z.B. Vier Pfoten engagieren sich seit Jahrzehnten in diesen Ländern mit Kastrationsprogrammen oder auch besuchen in Schulen, um die nächste Generation zu erreichen.
Wertvolle Programme, die nicht direkt bei jedem momentan in Not geratenem Tier ankommt.

Die Kehrseite der Medaille: die Zahl der zu uns exportierten Tiere nimmt stetig zu. Aber ist diese Flut überhaupt zu bewältigen? Haben wir nicht jetzt schon in unseren Tierheimen genügend Leid und Elend hinter Gittern, das übrigens zum Teil auch aus ehemaligen Auslandhunden besteht?
Und ist überhaupt jeder Hund geeignet, sich noch in unserer Welt zurecht zu finden?

Hunde, die als Welpen nicht auf uns Menschen geprägt wurden, eine lange Zeit in (gefährlicher) Freiheit ein Rudelleben auf der Straße geführt haben sollen sich nun in unsere Haushalte integrieren?
Oder gar auf einmal als Familienhunde „funktionieren“.

Die gesundheitliche Seite

Das Internet ist überschwemmt mit niedlichen oder tragischen Hundebildern, Aufrufen zur Rettung genau dieser armen Seele und spricht viele Tierfreunde und deren mitleidiges Herz an. Und ja, solch eine Adoption kann in erstaunlich vielen Fällen gut gehen, etliche Hundetrainer haben sich mittlerweile genau auf diese Klientel spezialisiert. Auch Tierärzte haben meist viele solcher Tiere als Dauerpatienten, was in einer häufig Schlechten bis gar nicht vorhandenen artgerechten Welpenaufzucht, aber auch durch Unfälle jeder Art entstandenen Skelettschäden, Hauterkrankungen und sogar neurologischen Erkrankungen führt.

Persönliche Überlegungen

Ich selbst habe einen solchen Hund aus einem deutschen Tierheim adoptiert. Der Bube war schon 2 1/2 Jahre alt, ehemaliger Straßenhund und saß 2 Jahre bei uns im Tierheim.

Ein absolut verstörter Hund, der eigentlich gut und gerne auf Kontakt mit Menschen verzichtet hätte. Andere Hunde super, aber bitte keine Menschen. Lange Zeit nur an der Schleppleine, sogar im Garten. Die ersten 2 Monate kaum gefressen, keine Leckerlies genommen. Trotz meiner großartigen Althündin, bei der er Halt fand, ein schweres erstes Jahr. Minimale Fortschritte ja, aber dieser Hund hat bei jeder kleinen Änderung im Tagesablauf sofort Stress ohne Ende und gelben Durchfall.

Ach ja, er musste 2 Monate nach der Aufnahme im Haushalt erstmal unter Sedierung kahlgeschoren werden bis auf die Haut (hat sich, wie ich auf Nachfrage erfahren habe, auch im Tierheim nicht bürsten lassen), hat leider auch mal meine Finger in für Ihn beängstigenden Situationen erwischt und wir arbeiten noch an vielen Baustellen.

Apropos arbeiten: einem solchen Hund Kommandos oder einfach nur die Regeln des gemeinsamen Zusammenlebens beizubringen ist eine echte Herausforderung. Diese Hunde sind so gefangen in Ihrer Angst, Prägung und auch so sehr im Überlebensmodus, dass jeder Versuch einer „Erziehung“ sehr schwer wird. Noch dazu, wenn sie eigentlich nichts mit uns zu tun haben möchten….

Und nun bin ich auf der Suche nach einem zu eben diesem Hund passenden Kumpel, da er leider unterwegs nicht von der Leine kann und somit spielen mit anderen Hunden nicht stattfindet, die Althündin aber auch nicht mehr wirklich kann.

Da es ein stabiler, auf uns geprägter und gut sozialisierter Hund werden muss, ist die Suche gar nicht so einfach. Wahrscheinlich wird es ein Zuchthund werden.

Höre jetzt schon den Aufschrei bei einigen Lesern und sehe das Kopfschütteln. Wie kann eine Tierfreundin, die das Leid der vielen herrenlosen Hunde kennt, auch nur einen Gedanken an einen Hund aus einer Zucht verschwenden?

Antwort: Hunde aus einer guten Zucht sind nicht per se Qualzuchten, je nach Rasse.

Der Vorteil liegt auf der Hand, wenn man sich auch hier nicht von niedlichen und putzmunteren übereinander purzelnden Bildern und Videos zuckersüßer Welpen einfangen lässt.

Viele Informationen über die Rassen, ein genauer Blick auf die Züchter. Ein Besuch der Zuchtstätte, in der auf jeden Fall das Muttertier und eventuell auch der Deckrüde (eher selten) kennengelernt werden kann, viele Gespräche mit dem Züchter, den man ausgesucht hat und wenn möglich nicht nur der Besuch beim Abholen des Junghundes / Welpen, können viel in der Entscheidungsfindung des passenden Familienmitgliedes für viele Jahre geben.

Was erwarte ich von dem Neuling, welche rassetypischen Eigenschaften passen zu meinem Leben, aber auch die Frage: was kann ich geben, welchem Hund werde ich gerecht?

Dabei sollte das Aussehen nicht den Ausschlag geben, sondern wirklich das beschriebene Wesen der jeweiligen Rasse, wobei man da auch mal Überraschungen erlebt…lach

Natürlich sind auch Merkmale von Qualzuchten zu beachten und bitte Finger weg von solchen armen Tieren. Hier wird nur lebenslange Qual für Tiere produziert, welche teuer an Hundefreunde verkauft wird.

Foto: A. Güttel
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Situation deutscher Tierheime

Und gerade einen guten Post gelesen. Ein Tierheim hat stellvertretend für so viele andere nochmal darauf hingewiesen, dass unsere Tierheime übervoll sind. Viele aus dem Ausland importierende Vereine (auch seriöse) mögen vereinzelt Pflegestellen haben, deren Einsatz nicht hoch genug geschätzt werden kann. Schön und gut, aber wenn überhaupt sind diese meist besetzt, falls ein Hund wieder (am besten sofort) zurückgegeben werden muss.

Ich selbst hatte mal bei einem dieser Auslandsvereine nachgefragt, was im Ernstfall mit einem solchen Hund passieren würde. Die Aussage war: wenn kein Tierheim den Hund aufnimmt, bleibt nur der Transport zurück ins Herkunftsland.

Diese Aussage muss nicht für jeden Verein gelten, hat mich aber sehr zum Nachdenken gebracht.

Fazit

So oder so, die Entscheidung ist natürlich jedem selbst überlassen. Dies sollen einfach ein paar Anregungen sein, zu denen es noch eine ganze Menge mehr zu sagen geben würde. Man könnte, und manche machen es auch, ganze Bücher damit füllen.

Mein Rat: gehen Sie nicht zu emotional auf die Suche nach dem neuen Mitbewohner vor. Lassen Sie nicht nur Ihr Herz, sondern auch den Verstand sprechen und freuen Sie sich über eine wunderbare Zeit mit dem passenden Hundepartner, egal ob Welpe oder erwachsen, in Ihrem Leben.

Angelika Güttel
Herausgeberin von tiernaturgesund und tiernaturgesund Spezial 

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